GehirngewitteR

Stolze 16, dauernd müde, totaler Fussballfan(BARCA!!!!), leidenschaftliche Sängerin (obwohls schrecklich klingt^^), TOKIO HOTEL SÜCHTIG, F4A-Mitglied, nicht ganz normal und einfach nur VERRÜCKT... WIESO TRINKEN TOKIO HOTEL RED BULL? ENGEL HABEN DOCH SCHON FLÜGEL...loool
Prolog

„Willkommen am internationalen Flughafen Berlin Tegel.“
Das war meine Begrüßung in Berlin. Glück durchströmte mich, als ich das erste mal in meinem Leben deutsche Luft einatmete. Ich durfte ein ganzes Jahr in Deutschland verbringen.
Ich lief, so schnell es mit meinem schweren Rucksack – in ihm hatte ich meinen Reiseproviant, Bücher und meinen Verstärker untergebracht- und dem riesigen Gitarrenkoffer ging, Richtung Ankunftshalle. Meinen Koffer zog ich schwer atmend hinter mir her, als ich, die Leute anrempelnd, durch den Ausgang stürzte. Ich konnte es nicht erwarten, meine Gastfamilie kennen zu lernen.


Kapitel 1


„Hey, bist du Jessica?“
Ich wandte mich um. Ein ungefähr gleichaltriger Junge mit Dreadlocks kam auf mich zu. Hinter ihm ging eine ca. 35 jährige Frau, die freundlich lächelte.
„Ja. Dann bist du bestimmt die Tochter der Gastfamilie.“
Der Junge sah mich mit erstaunlich warmen, schokoladenbraunen Augen an, sein Blick war ernst und nachdenklich. Dann fing er an zu kichern.
„Hat man dir das gesagt? Oder sehe ich aus wie ein Mädchen?“
Leicht entsetzt wandte er sich um.
„Mum? Wusstest du, das ich ein Mädchen bin?“
„Nein, wusste ich nicht. Aber Jessica, komm doch her, nur nicht so schüchtern. Ach übrigens, ich bin Simone Kaulitz und das ist mein Sohn Tom.“
Unwillkürlich musste ich ihn angrinsen. Das war ein komischer Name für ein Mädchen.
Tom zwinkerte mir zu: „Warte. Gib mir deinen Koffer und deinen
Rucksack. Deinen ersten Tag in Deutschland sollst du nicht mit Kofferziehen verbringen.“
Ich folgte ihnen, Tom nachdenklich anblickend, auf den Parkplatz. Vielleicht kam es mir nur so vor, aber ich war mir sicher, dass ich Tom schon einmal gesehen hatte. Kaum saßen wir im Auto, fing Tom an, mich mit Fragen zu löchern: „Sag mal, wie alt bist du eigentlich?“
„14 und du?“
„Ich bin auch 14. Wo wohnst du noch mal in Australien?“
„Ich wohne mit meiner Tante in Sydney, aber mein Vater wohnt in Perth an der Westküste. Ich habe ihn seit vier Jahren nicht mehr gesehen und ich will es auch nicht, er hat sich nie um mich gekümmert. “
Auf seinen fragenden Blick hin antwortete ich: „Meine Eltern haben sich geschieden, als ich neun war und zwei Jahre später ist meine Mutter..., ist sie...“ ich konnte einfach nicht weitersprechen, der Gedanke an meine Mutter war einfach grauenhaft, vor mir sah ich, wie ich auf sie hinabblickte, während der Notarzt ins Krankenhaus raste. Alle Mühe war vergebens, nachdem ich mehrere Stunden vor dem OP ausgeharrt hatte, kam der Chirurg zu mir und erklärte betroffen, dass meine geliebte Mutter soeben gestorben war. Ich konnte es nicht glauben, fing an zu schreien, zu weinen, wollte zu ihr, doch schließlich war ich zusammengebrochen, mit rotunterlaufenen Augen und hysterischem Schluchzen.
Am nächsten Tag wachte ich in einen Krankenhausbett auf und als ich herumfragte, stellte sich heraus: mein Vater war benachrichtigt worden, doch er war den ganzen Tag und auch die gesamte Nacht nicht aufgetaucht, um mich zu trösten. Einige Zeit hatte ich dann noch bei ihm gelebt, doch er hatte versucht, seine Trauer und seinen Schmerz im Alkohol zu ertränken. Doch als der Schnaps seinen Kummer nicht wegspülen konnte, ließ er seine Wut an mir aus. Er schlug mich oft, bis ich nicht mehr konnte, sein Geschrei nicht mehr hören wollte, seine blutunterlaufenen Augen nicht mehr sehen wollte, seine Alkoholfahne nicht mehr riechen wollte, weg von ihm wollte. Deshalb zog ich zu meiner Tante Mary. Als ich an diese Zeit, die mein Leben so plötzlich verändert hatte, dachte, stiegen mir wieder Tränen in die Augen.
Tom merkte das und sagte leise: „Oh, das tut mir Leid.“ Und ging nicht weiter auf dieses Thema ein. Dafür fragte er weiter:
„Und, freust du dich, ein Jahr in Deutschland zu sein?“
„Ja, natürlich. Nur werde ich Jack ziemlich vermissen.“
„Wer is’n des?“
„Mein Hund. Ich liebe ihn. Ich liebe alle Tiere.“
„Gut. Wir haben nämlich auch einen Hund und eine Katze. Aber sag mal, hast du zuhause einen Freund?“
„Nein, zurzeit nicht. Na ja was sollte das auch, einen Freund haben, der jetzt auf der anderen Seite der Erde ist. Hast du eine Freundin?“
„ Ne, ich auch nicht. Was für Musik hörst du denn?“
„Also, meine Lieblingsbands sind Nirvana und Green Day. Aber ich mag auch ein paar Rapper. Und deine?“
„Hm. Ich lege mich da nicht so fest. Also, ich hab ja mal so New Metal und so gehört, aber jetzt fast nur noch HipHop. Eigentlich immer. Und am Coolsten ist Samy Deluxe.“ Er grinste. „Und was sind deine Hobbies?“
„Also, ich glaube, eins solltest du schon mitbekommen haben.“
„Und das wäre?“
„Na, ich spiele Gitarre."
„Geil, du auch?!“
„Spielst du etwa auch Gitarre?“
„Ja! Ohne Musik bin ich tot!“
Ich lächelte: „Ich auch.Und leider konnte ich nur zwei mitnehmen.“
„Und wie viele hast du?“
„Ähm, das sind sechs.“
Leicht grinsend meint er: „Na, vielleicht kommst du ja doch noch an ein paar weitere.“
Dann fragte er mich weiter: „Und was machst du sonst noch so?“
„Ich skate gerne, mein Skateboard habe ich im Koffer, ich spiele
Fußball und surfe gerne.“
„Stimmt, in Sydney ist ja Bondi Bay.“
„Das weiß ich auch. Da habe ich mal einen Surfkurs gemacht.“
„Achso. Und was machen wir dieses Jahr so?“


Kapitel 2


„...und wir müssen in den nächsten Ferien unbedingt nach Hamburg fahren, ok?“
Plötzlich meldete sich Toms Mutter zu Wort: „Also, ich will euch ja nicht stören, aber wir sind da.“
Sie bog links ab und parkte in der Einfahrt, die zu einem schönen, großen Haus gehörte. Die Straße hieß Bahnhofsstraße in Loitsche, einem kleinen Dorf in der Nähe von Magdeburg. Überall standen riesige, grüne Bäume. Vor den Fenstern an der Vorderseite des Hauses war ein schön angelegtes, gepflegtes Beet mit Blumen, die ich nur teilweise kannte. Ich sah mir die schöne Umgebung an und mir wurde bewusst, was ich eigentlich immer noch nicht glauben konnte: ich war in Deutschland.
Plötzlich riss Tom mich aus meinen Gedanken: „Hey Jessica, willst du hier Wurzeln schlagen? Komm rein, du hast den Rest der Familie noch nicht kennen gelernt.“
Kaum hatte ich einen Fuß über die Schwelle getan, da rannte auch schon etwas riesiges Braunes auf mich und warf mich fast um.
„Scotti, mach Sitz. So ist gut.“
Tom stützte mich. Endlich hatte ich begriffen, was eben passiert war. Ein riesiger Hund hatte sich auf mich gestürzt.
„Keine Angst, er ist harmlos. Er hat dich bloß ein bisschen zu stürmisch begrüßt.“
„Ok.“
Ich schaute mich um. Der Flur war hell und geräumig und – wie mir erleichtert auffiel- nicht mit irgendeinem Schmücke-dein-Heim-Schnick-Schnack verziert.
„Ah, du bist also Jessica.“ Eine dunklere Stimme als die von Tom hatte gesprochen. Ich drehte mich um: „Ja und Sie sind...“
„...Gordon Trümper. Der Stiefvater. Aber du kannst Simone und mich mit dem Vornamen ansprechen. Ich mache gerade Frühstück.“
Gordon machte auf mich einen sehr sympathischen Eindruck und ich beobachtete gespannt, wie er die Kaffeemaschine bediente.
„Tom, willst du mir mein Zimmer zeigen?“
„Oh ja, natürlich. Aber, ähm-“ er blickte sich suchend um „Mum, wo ist Bill?“
„Ich weiß es nicht. Er wird schon noch kommen, um Jessica zu begrüßen.“
„Ok. Na, dann komm mal mit. Willst du den Rucksack tragen? Ich nehme die Gitarre und den Koffer. Hoffentlich schaffen wir es, den Koffer nach oben zu bringen, sonst musst du alles ausräumen und dann einzeln nach oben tragen.“
„Ach, das schaffen wir schon.“
Ich folgte Tom die Treppe hinauf. Oben waren mehrere Türen und ein riesiges, eine ganze Seite des Raums einfüllendes Fenster. Er erklärte: „Also, hier ist ein Bad, aber das dürfen wir nicht benutzen, das gehört ganz allein Mum und Dad. Da ist ihr Schlafzimmer und das hier ist eine Toilette, die dürfen wir benutzen. Und da...“er deutete auf eine weitere Tür „...geht’s zu unseren Zimmern.“
Er öffnete die Tür, ich erwartete ein geräumiges, mit Postern tapeziertes Zimmer, doch alles, was ich sah, war ein großer Raum, in dem riesige Regale voller Bücher standen. Vor uns war eine weitere Tür.
Tom sagte: „Und das ist mein Zimmer.“
Er drückte die Klinke und die Tür schwang auf. Der Mund klappte mir auf. Das hatte ich nicht erwartet: Der Raum war winzig, in ihm standen nur ein Fernseher, ein Sofa und eine Leiter.
Tom grinste: „Glaubst du im Ernst, wir würden Gastschüler aufnehmen, wenn wir keinen Platz für sie hätten? Ich klettere als erstes hoch und ziehe, du schiebst von unten, ok? So kriegen wir den Koffer vielleicht nach oben.“
Er kletterte die Leiter hoch und packte ein Ende des Koffers. Ich schob mit aller Kraft von unten.
Plötzlich rief er: „Oh, nein!“ und dann spürte ich einen stechenden Schmerz im linken Bein. Ich fiel hin, der Koffer landete genau auf meinem linken Knie. Ich schrie laut auf, ich hatte das Gefühl, dass mein Bein zerquetscht wurde.
Sofort war Tom neben mir. Besorgt fragte er: „Alles ok?“
„Na ja, eigentlich schon, aber mein Bein ist irgendwie...“ich suchte nach den richtigen Worten „... ich weiß nicht, es tut total weh.“
„Oh, scheiße, hoffentlich ist es nicht gebrochen. Das wäre das letzte, das wir jetzt gebrauchen könnten.“
Vorsichtig hob er den Koffer hoch und stellte ihn neben mich.
„Kannst du aufstehen?“
„Ja, ich glaube schon. Es tat nur so weh, weil der Koffer drauflag und der ist wirklich schwer.“
Langsam erhob ich mich. Tom half mir dabei: „Komm, stütz dich auf mich. Gaaanz vorsichtig.“
„Ok.“
Und da standen wir nun. Ich stützte mich auf Tom, der mir besorgt in die Augen sah. War es wirklich Besorgnis?
„Geht’s echt?“
„Ja. Ich glaube schon.“
„ Wenn du meinst. Ich glaub, wir sollten nachher Gordon fragen, ob er uns mit diesem Mörderkoffer helfen kann. Aber jetzt komm erst mal frühstücken.“


Kapitel 3


Nach einem Frühstück, das ich besser fand, als alles, was ich jemals gegessen hatte, erklärten wir Gordon die Situation. Mit seiner Hilfe schafften wir es, den schweren Koffer die Leiter hochzubringen. Oben war wieder eine Art Flur, an der Decke prangte ein riesiges Che- Guevara-Poster.
„Also, die Tür hinter der Leiter ist mein Zimmer, daneben ist unser Bad und hier-“ er deutete darauf „- ist dein Zimmer.“
Er öffnete die Tür und folgte mir dann hinein.
Es war ein geräumiges Zimmer mit großen Fenstern, einem wunderbar weichem Bett, einer teuer aussehenden Stereoanlage und einem Schreibtisch, auf dem ein verchromter Computer stand. In einer Ecke lag einer Sitzsack.
„Und das ist dein Zimmer. Gefällt es dir?“
„Ja. Es ist einfach cool. Danke.“
„Schon gut. Das Telefon da ist eigentlich ein Funkgerät. Der andere Teil ist in meinem Zimmer. Für Ferngespräche ins Nebenzimmer.“ Wieder sah er mich mit diesen unglaublichen Augen an.
„Am liebsten würde ich dir gleich Magdeburg zeigen.“ Er hielt inne und lächelte leicht „aber ich glaube, zuerst musst du mal auspacken. Und dann muss ich dir ein paar Kumpels vorstellen. Und Bill natürlich.“
Er zwinkerte mir zu und verließ das Zimmer. Ich setzte mich aufs Bett, um erst einmal meine Gedanken zu ordnen. Wer zum Teufel war Bill? Wahrscheinlich die Katze, von der Tom vorhin erzählt hatte...
„Jessy, bist du da drin?“ fragte plötzlich Tom vor der Tür.
„Ja.“
„Hey, ich muss mal kurz weg, bin aber gleich wieder da. Wenn du was brauchst, geh einfach zu Mum oder Gordon..“
„Ok.“
Und dann war es wieder still. Als ich die Hälfte ausgepackt hatte, musste ich dringend aufs Klo. Als ich draußen auf dem Flur stand, musste ich zugeben, dass ich wieder vergessen hatte, wo die Toilette war.
Deshalb beschloss ich, einfach mal nach zusehen. Ich öffnete eine Tür und fand dahinter ein ganz normales Jungenzimmer. Dann betrat ich das Zimmer gegenüber – und musste mich wirklich wundern. Dieser Raum sah fast aus wie der von Tom. Hatte er etwa zwei Zimmer für sich? Was für ein Luxus, dachte ich mir, schloss die Tür und betrat das einzige Zimmer, dass ich noch nicht gesehen hatte, nämlich das Klo.
Als ich wieder ins Zimmer gehen wollte um eine SMS zu schreiben, hörte ich plötzlich jemanden die Leiter hinaufsteigen. Ich drehte mich um und erstarrte.


Kapitel 4


Vor mir stand ein grinsender Junge, der ein so seltsames Erscheinungsbild hatte, dass mir die Luft wegblieb. Seine Augen waren schwarz geschminkt, doch dass bemerkte ich kaum, denn seine Haare hatten meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Hinten standen sie in schwarzen Stacheln vom kopf ab, doch vorne verdeckte eine dicke Haarsträhne die linke Gesichtshälfte. Noch völlig perplex blickte ich den Jungen an, der mir wildfremd und doch irgendwie vertraut war. Dann fiel mir die Ähnlichkeit des Gesichtes mit dem Toms auf.
‚Die Augen. Vollkommen gleiche Augen.’ dachte ich und machte einen Schritt vorwärts.
„Hey.“ Sagte ich zögernd.
„Hey.“ Erwiderte der Junge mit ruhiger Miene. Plötzlich fing er an zu lachen.
„Was ist?“ fragte ich vorsichtig.
„Du schaust mich an, als ob ich ein Alien wäre.“ Er hielt inne und reichte mir dann seine Hand „Ich bin übrigens Bill. Bill Kaulitz. Tom ist mein Bruder. Genauer gesagt mein älterer Zwillingsbruder.“
„Hi. Ich bin Jessy. Eure-“
„-unsere Gastschülerin, ich weiß.“ Unterbrach mich Bill und winkte mich hinter sich her in sein Zimmer. Drinnen forderte er mich auf, mich zu setzen.
„Und wie gefällt es dir hier so?“ wollte er wissen.
„Naja, ich hab ja noch nicht sehr viel gesehen. Aber ist ganz nett hier.“
Plötzlich fing Bill total an zu lachen.
„Was ist denn los?“ fragte ich.
„Du hast das ‚sehr viel gesehen’ so komisch ausgesprochen. Voll geil!“ brachte unter einem Lachkrampf hervor. Etwas beleidigt sagte ich: „Ja und, was kann ich dafür, wenn ich Australierin bin?! Du kannst bestimmt auch kein richtiges Englisch!“
Ich wandte mich um und wollte in mein Zimmer gehen, aber da spürte ich eine Hand auf der Schulter.
„Warte. Tut mir Leid. Du hast ja Recht. Ich kann auch nicht richtig Englisch.“
Ich musste leicht grinsen. Bill lächelte auch. Er strich mir mit der Hand über die Schulter und ich fühlte ein leichtes Kribbeln im Bauch. Was sollte das jetzt?
Ich wusste, dass er meinen Blick suchte und deshalb starrte ich bewusst aus dem Fenster.
Dann hielt ich es nicht mehr aus, das Gefühl im Bauch war so stark, dass ich mich abrupt umdrehte und sagte: „Ich muss jetzt weiter auspacken.“
Bill grinste: „Na dann zeig mal, was du für Klamotten dabei hast.“
Lachend liefen wir in mein Zimmer.


Kapitel 5


Als Tom wiederkam hatten wir schon längst fertig ausgepackt. Wir saßen gerade in Bills Zimmer und unterhielten uns über Musik als er hineingeplatzt kam.
„Bill, da bist du ja. Wo warst du denn vorhin die ganze Zeit? Beeil dich!“
„Wo warst DU? Jessy und ich warten schon ewig auf dich.“
„Ich hab Andi, Georg und Gustav Bescheid gesagt, dass wir uns nachher in der Strandbar treffen.“
„Und wann ist nachher?“
„In einer halben Stunde.“ Meinte Tom ein wenig kleinlaut.
„WAS?! Ich muss mich doch noch fertig machen!“
„Deswegen sollst du dich ja auch beeilen.“ Sagte Tom und verdrehte die Augen.
Ich musste loslachen.
„Was isn jetzt los?“ fragten die beiden gleichzeitig.
„Ihr seid so lustig, wenn ihr streitet.“ Prustete ich.
Daraufhin zog ich mir ein paar böse Blicke ein. Ich zuckte die Schulter und ging kichernd in mein Zimmer.

Als wir eine halbe Stunde später endlich das Haus verließen, Bill hatte sich extra beeilt, hatte Tom schon seinen Freunden Bescheid gesagt, dass wir zu spät kamen. Ich war total gespannt sie kennen zu lernen, immerhin würde ich sie im nächsten Jahr noch etwas öfter sehen.
Zum Glück kam der Bus auch schon nach fünf Minuten, wir fuhren nach Magdeburg, mussten noch ein Stück laufen und dann standen wir plötzlich auf einem kleinen Strand. Überall waren Liegestühle verteilt. Das Feeling war echt cool.
Unwillkürlich musste ich grinsen.
„Was grinst du denn so?“ fragte Bill.
„Naja, das hier erinnert mich ein bisschen an Sydney...“ meinte ich.
Dann wurde ich links von Tom und rechts von Bill am Handgelenk gepackt und zu ein paar Liegestühlen gezogen.
„Andi!“
Sofort sprangen die Leute in den Stühlen auf. Es waren drei Jungs und zwei Mädchen. Ich fand sie sofort total sympathisch.
Tom stellte sie mir vor: „Also, das ist Andi, unser bester Freund, das sind Gustav und Georg, die spielen in unserer Band und das sind Linda und Julia.“
Bill zog Linda zu sich und die beiden küssten sich. Ok, die waren wohl zusammen.
Und dann küsste Tom plötzlich Julia. Ich wusste nicht, wieso, aber irgendwie wurde mir bei diesem Anblick etwas komisch. Was war denn jetzt wieder los?
Ich beschloss, sie einfach zu ignorieren, was auch ziemlich leicht war, denn Gustav wollte alles über Australien wissen. Das Wetter in Sydney, die Leute in Sydney, die Schulen in Sydney, und so weiter.
Er wollte sogar alles über die australische Politik wissen! Das schockierte mich ein bisschen, wie konnte man so jung sein und sich mit POLITIK beschäftigen???
Aber eigentlich war es nicht schlimm, man konnte sich mit Gustav echt über alles unterhalten.
Wir saßen den ganzen Tag in den Liegestühlen, tranken massenhaft Red Bull und redeten, was das Zeug hielt. Irgendwann verabschiedeten wir uns und gingen wieder nach Hause, wo ich sofort wieder von Scotti angesprungen wurde.


Kapitel 6


„Nein Mum...geh nicht...bitte...Mum, verlass mich nicht...NEIN!!!“
Erschrocken richtete ich mich auf. Ich lag in einem Bett. ‚Du hast bloß geträumt’ dachte ich und lehnte mich schwer atmend gegen die Wand. Auch wenn es nur ein Traum gewesen war, es war erschreckend. Beängstigend. Grausam.
Tränen liefen über meine Wangen. Warum meine Mum?
In diesem Moment ging die Zimmertür auf. Ich zuckte erschrocken zusammen.
„Hey, was ist los? Warum hast du geschrien?“
Es war Tom. Ich wusste nicht, wieso, aber es beruhigte mich sofort.
„Es ist nichts.“
„Und warum heulst du dann?“
„Es ist nichts.“
„Jessy, jetzt sag schon.“
„Es ist nichts.“
„Jessy, bitte.“
„Mir geht’s gut, wirklich.“
„Jessy, du wirst jetzt ein Jahr bei uns wohnen. Wie soll das denn werden, wenn du nicht mit mir redest. Ich will dir doch nur helfen.“
Tom klang schon richtig verzweifelt.
„Ich brauche keine Hilfe.“
„Jessy, bitte. Ich wird’s auch niemandem erzählen.“
Das flehen in seiner Stimme ließ mich überlegen. Sollte ich es ihm sagen mit meiner Mum?
‚Naja, früher oder später würde er es sowieso erfahren.’ dachte ich mir.
Ich blickte auf, direkt in Toms schokobraune Augen und fing an zu erzählen.

Nachdem ich geendet hatte, liefen mir immer noch Tränen übers Gesicht.
„Oh, Jessy, das tut mir ja so leid!“ meinte Tom so leise, dass ich ihn kaum verstand und umarmte mich. Immer noch schluchzend lehnte ich meinen Kopf gegen seine Schultern. Ich fühlte mich geborgen, langsam wich die Angst und der Schmerz wieder.
Irgendwann fielen mir die Augen zu und schlief in Toms Armen ein.


Kapitel 7


Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war es schon 12.30 Uhr. Ich richtete mich auf und gähnte erst mal. Dann fiel mir plötzlich wieder ein, war vergangene Nacht passiert war. Ich hatte geheult. Und dann kam Tom...
‚Tom. Schoss es mir durch den Kopf ‚wo ist Tom?’
Ich zuckte die Schultern. Mir doch egal. Er war ja sowieso mit Julia zusammen, da konnte ich auch nichts machen.
Bei dem Gedanken wurde ich leicht traurig.
Ich stand auf, zog mir ein T-Shirt an, auf dem ‚Shopping-time’ stand und einen schwarzen Mini. Es waren ja Sommerferien in Deutschland. Komisches Gefühl, in Australien war jetzt Winter...
Als ich ins Bad gehen wollte, fiel mir ein, dass ich mich noch gar nicht bei Tom bedankt hatte. Immerhin hatte er mich getröstet, motiviert und mir zugehört.
Also drehte ich um, ging zu Toms Zimmer und vergaß leider das Klopfen.
Ich öffnete die Tür-
Und schloss sie gleich wieder. Uuups, da hatte ich ja jemanden heftigst beim rumlecken gestört!.. ‚na, geh ich halt frühstücken’ dachte ich mir und lief die Treppe runter in die Küche. Ich versuchte mich voll und ganz aufs Teller-Suchen zu konzentrieren, aber das Bild von gerade eben, Tom und Julia rumknutschend, hatte sich scmerzhaft in meinem Hirn festgesetzt.

Als Bill, Tom , Julia und ich uns am Nachmittag mit Linda, Georg, Sophie (Georgs Freundin) und Gustav in der Strandbar trafen, hatte meine Laune ihren Nullpunkt erreicht. Aber ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, was eigentlich mit mir los war, denn ich wurde schon wieder von Gustav ausgefragt- diesmal über australische Infrastruktur. So gern ich den Jungen auch mochte, er hatte äußert komische Interessen.
Ich bemerkte die Handzeichen, die Tom und Bill sich gaben, nicht.
Plötzlich wurde ich aus meinem Liegestuhl hochgezogen und von den anderen weg.
„Was soll...“ protestierte ich. Dann sah ich direkt in Toms braune Augen.
Ich wurde rot.
„Jessy, was ist denn los?“
„Ach nichts.“
„Man, jetzt fängt das wieder an. Jetzt sag schon.“
‚Lüg! Lüg irgendwas zusammen.’ Dachte ich.
„Es...es ist wegen dem Traum gestern. Das hat mich schon etwas mitgenommen.“
Scheiße, war das schwer Tom anzulügen!
Er schaute mich ein bisschen misstrauisch an. Hatte er was gemerkt?
Ich schaute auf den Boden, aber plötzlich spürte ich Toms Atem auf meinem. Dieses Glücksgefühl!!!
Ich blickte auf. Er schaute ich fürsorglich, auch etwas besorgt an und gab mir einen Kuss auf die Wange.
„Das wird schon wieder.“ Meinte er leise und umarmte mich.
Scheiße, jetzt nicht durchdrehen. Man, war ich glücklich.
Dann gingen wir, ich mit erheblich bessere Stimmung, zurück zu den anderen.


Kapitel 8


Ich war jetzt schon eine Woche in Magdeburg, also hatten wir noch 4 Wochen Sommerferien. Mittlerweile wusste auch Bill vom Tod meiner Mutter und meinen Albträumen. Ich glaube, Tom hatte es ihm erzählt, aber man konnte es ihm nicht verübeln, immerhin waren sie Zwillinge und hatten keine Geheimnisse voreinander. Also war ich nicht sauer. Es blieb halt jetzt unter uns dreien.
Ich fand es einfach nur total geil hier. Alle waren gut drauf und es gab immer was zu lachen. Abends gingen wir weg, so auch an diesem Abend. Wir drei trafen uns mit Georg, Gustav, Linda und Sandra (Georgs neuer Freundin) im Gröni, dem wohl geilsten Club Magdeburgs.
Julia war übers Wochenende zu ihrer Tante gefahren, was eigentlich scheiße war, da sie immer irgendwelche lustigen Ideen hatte. Aber ich war irgendwie fast froh darüber, obwohl ich mir das nicht eingestehen wollte.
Mit Georgs Hilfe, er war ja schon 16, beschafften wir uns genug Alk um die ganze Nacht durchzufeiern. Wir saßen um einen runden Tisch und besoffen uns mit allem möglichen Scheiß. Am Tisch neben uns wurde Strip-Poker gespielt.
Irgendwann wurde es mir zu langweilig, also zog ich einen nach dem anderen hoch und auf die Tanzfläche.
Da wir ein Mädchen weniger waren, wechselten wir uns beim Tanzen immer wieder ab. Ich tanzte gerade mit Bill als irgendso eine Schnulze gespielt wurde. Bill grinste, aber plötzlich wurde er leicht angerempelt und Tom stand vor mir.
Sofort hatte ich wieder das Kribbeln im Bauch. Scheiße.
Ich starrte stur auf den Boden, doch plötzlich wurde mein Kinn leicht angehoben und ich starrte direkt in Toms braune Augen. Aus irgendeinem Grund musste ich lächeln.
"Weißt du, ich mag dich wirklich." flüsterte Tom leise. Er kam mir immer näher, innerlich machte ich Luftsprünge, doch etwas anderes in mir schrie plötzlich: 'NEIN! Das ist falsch!'

Unsere Lippen berührten sich. Scheiße. Ein verdammt geiles Gefühl durchströmte mich. Ich war unglaublich glücklich. Ich hielt es kaum noch aus. Toms Zunge bahnte sich ihren Weg zu meiner und ich erwiderte den Kuss. Heftig knutschend tapsten wir schließlich von der Tanzfläche und in eine Ecke, obwohl wir gar nicht richtig mitbekamen, wohin wir eigentlich liefen. Das interessierte mich aber auch nicht so wirklich. Immerhin war ich besoffen und knutschte mit dem Jungen in den ich verliebt war.
Schließlich standen wir eng umschlungen in einer Ecke und mittendrin wurde mir plötzlich klar, was ich da eigentlich gerade tat. Ich knutschte mit einem Jungen, der eine Freundin hatte. Und die mochte ich auch noch total gerne. Ich hinterging Julia gerade! Und Tom war kein Stückchen besser!
Ich riss mich los und rannte ohne ein Wort zu Tom oder den anderen aus dem Club. Die ersten Tränen liefen meine Wangen runter. Als ich zwei Häuser hinter mich gebracht hatte, lehnte ich mich an die Wand und rutschte sie schluchzend hinunter. Ich hatte das Gefühl, verloren und einsam zu sein. Ich hatte Angst davor, das letzte mal hatte ich dieses Gefühl nach dem Tod meiner Mutter.
Aber warum musste ich mich auch ausgerechnet in Tom verlieben? Warum hatten wir uns gerade geküsst? Warum war alles so scheiße?
Ich fing leicht an zu zittern, mein Körper bebte, aber ich heulte weiter.
Plötzlich spürte ich eine Hand auf der Schulter.
"Hey, was ist denn los?"
Ich blickte auf und sah in braune Augen.


Kapitel 9


Es war Bill. Er hockte sich neben mich, zog die Beine an den Körper und schwieg nachdenklich.
„Es ist wegen Tom, oder?“ fragte er schließlich so leise, dass ich es kaum verstand.
Total benommen antwortete ich : „Yes.“
Ich hatte total vergessen, dass ich in Deutschland war, zu viele Gedanken schwirrten in meinem Kopf. Tom. Ich musste erneut losheulen, der Gedanke an Tom – und Julia – war nicht gerade aufbauend.
Plötzlich lag ich in Bills rettenden Armen. Er sagte nichts, keinen einzigen Ton, er strich mir nur beruhigend durchs Haar und über den Rücken und ließ sich das T-shirt vollheulen.
Es tat gut zu weinen, nach und nach beruhigte ich mich. Die Sache mit Tom fand ich weniger schlimm und ich war nur noch total dankbar, dass Bill hier war.
Ich schluchzte noch ein bisschen, aber schließlich wischte ich mir die Tränen aus den Augenwinkeln, löste mich von Bill und sah ihn von oben dankend an.
„Geht’s besser?“ fragte er vorsichtig.
Ich nickte und Bill lächelte mich aufmunternd an. ‚Dieses lächeln!’ dachte ich nur. Er stand auch auf und wir umarmten uns fest.
„Danke Bill.“ flüsterte ich. „Du bist echt lieb zu mir.“
Ich spürte seinen Atem an meinem Hals und das verursachte eine Gänsehaut, die er zu bemerken schien, denn er sagte: „Na, dir muss ja echt kalt sein.“
Etwas leiser fügte er hinzu: „Oder war ich das?“
Ich lächelte ihn schüchtern an. Oh Gott, war das peinlich!!!
Aber was war das? Scheiße, nein!!!
Bill grinste leicht. Dann sah er mich lange an. Mit seinen schokobraunen Augen, die genauso aussahen wie die von Tom.
Und da spürte ich es ganz deutlich: dieses verdammte Kribbeln in der Bauchgegend. Oh nein, ich war doch in Tom... ich kann doch nicht in Bill... Oh scheiße was mach ich jetzt???
Schließlich brach Bill das Schweigen: „Jessy, weißt du, als ich dich das erste mal gesehen hab, auf der Treppe, da hab ich gleich gewusst, dass du was besonderes bist. Irgendwie...ich weiß nicht, ich hab dir sofort vertraut... und,...na ja... also...ich... ich wollte dir sagen, dass... dass ich...“
„Das?“ fragte ich nach. Er schaute mich schüchtern an, mit diesem unglaublichen Blick und die Schmetterlinge fuhren Achterbahn. Das Kribbeln im Bauch war so stark wie nie zuvor, nicht mal bei Tom.
„Naja... ich glaub... ichhabmichindichverliebt.“ Sagte er so schnell, dass ich nur ‚dich’ und ‚verliebt’ verstand, aber ich wusste, was es bedeuten sollte und unwillkürlich musste ich lächeln.
„Ich glaub, ich mich auch.“ erwiderte ich auf den Boden blickend.
Plötzlich fiel Schatten auf die Stelle, die ich angeschaut hatte und im selben Augenblick spürte ich Bills Hand auf meinem Kinn und ganz langsam wurde mein Gesicht angehoben, sodass ich ihm in die Augen schauen musste.
Er lächelte mich wieder an, mit diesem wunderbaren, süßen Lächeln. Dann kam er mir gefährlich nahe und-
Ja, dann küssten wir uns.
Ich erwiderte den Kuss. Es war ein sanfter, zärtlicher, doch leidenschaftlicher, so wie ich ihn noch nie erlebt hatte.
„Ihr seid so link!“
Erschrocken fuhren wir auseinander und sahen gerade noch, wie ein Haufen Dreadlocks um die nächste Hausecke verschwanden.


Kapitel 10


„Scheiße!“ sagte Bill nur schockiert, dann rannte er los, Tom hinterher, ohne mich noch einmal anzuschauen. Aber eigentlich war es meine Schuld, ich war es, die beide Jungs jetzt in diese scheiß Situation gebracht hatte.
Benommen und erschrocken setzte ich mich wieder auf den Boden und lehnte meinen Kopf gegen die kühlende Hauswand. Dann dachte ich nach, über alles, was mir je passiert war, Australien, der Tod meiner Mutter, die Sache mit Dad, der Umzug nach Sydney, Deutschland, Tom und Bill.
Ich musste zugeben, Tom war nett, süß und konnte verdammt gut küssen, aber mit Bill war das was anderes. Er strahlte so viel Vertrauen aus, seine Stimme, seine Augen, sein Geruch, alles an ihm war wunderschön. Kurzum; ich war wirklich verliebt.
Dennoch wusste ich nicht, wie es jetzt weitergehen sollte. Immerhin, an diesem Abend hatte ich Tom geküsst, geheult und dann Bill geküsst. Und jetzt heulte ich wieder.
Beide hatten sehr nette Freundinnen. Und beide hatten mir gesagt, wie sehr sie mich mochten. Scheiße, warum war schon wieder alles so kompliziert?!
Ich war so in Gedanken, dass ich nicht merkte, wie es zu regnen begann. Und ich bemerkte es erst, als meine Haare und meine Kleidung klitschnass waren und ich in einer Pfütze saß.
Plötzlich schwallte Wut in mir hoch, ja richtiger Hass, ich hasste mich selber, dafür, dass ich an einem Abend alles kaputt gemacht hatte.
Ich sprang auf und schrie so laut ich konnte, schrie mir alles aus der Seele.
Dann lehnte ich mich gegen die Wand, schloss die Augen und atmete tief durch. Ich fror und alles tat mir weh.
Meine Kleidung klebte an meinem Körper und in meinen Schuhen stand das Wasser.
‚Jetzt brauch ich nur noch Shampoo und ich kann Haare waschen.’ Dachte ich ironisch und musste trotz allem grinsen.
Ich ging los und stampfte quer durch die Pfützen bis ich irgendwann vor einer alten Fabrikhalle stand. Ich nahm einen Stein und schleuderte ihn gegen ein Fenster, stieg ein und blickte mich um. Alles hier war verstaubt und kaputt.
Plötzlich klingelte mein Handy. Ich zuckte erschrocken zusammen, das Geräusch wurde durch die Halle viel lauter.
Ich blickte auf den Display: Bill. ‚Nein! Nicht jetzt!’ dachte ich und drückte ihn weg. Das wiederholte sich ganze 7 mal. Dann gab er anscheinend auf.
Mein Handy klingelte wieder. Genervt blickte ich auf den Display.
Es war Tom.


Kapitel 11


Ich zögerte. Wieso rief DER mich an? Ich überlegte kurz, nahm dann aber ab.
„Jessy! Mein Gott, wo bist du? Wir haben uns ganz schön Sorgen gemacht? Warum hast du nicht abgenommen, als Bill angerufen hat?“
„Kann euch doch egal sein.“
„Verdammt, komm nach Hause!“
„Damit ich euch sehe und wieder alles kaputt mache?!“
Man, es tut mir Leid, dass ich vorhin so reagiert habe. Aber ich war halt sauer, als erstes knutschst du mit mir, dann stößt du mich weg und knutschst mit meinem Bruder. Aber ist ja egal...“
„Du bist nicht sauer auf mich?“
Ich merkte, dass er mit seiner Antwort zögerte.
„Nein. Naja, eigentlich solltet ihr, also ich mein Bill und du, sauer auf MICH sein. Er hat mir nämlich schon vor ein paar Tagen erzählt, wie süß du doch bist und dass er voll auf dich steht. Deswegen hat er ja auch heute mit Linda Schluss gemacht.“
„Er hat WAS?!“
„Mit Linda Schluss gemacht, ja.“
„Aber warum...warum hast du dann mit mir geknutscht, wenn du das gewusst hast?“
„Keine Ahnung, das war so ‚ne Kurzschlussreaktion. Ich mein ich hab auch nicht gerade wenig getrunken und dann haben wir so getanzt und... na ja, egal das war alles ohne Bedeutung...“
„Und was ist mit Julia? Erzählst du es ihr?“
„Naja, muss wohl sein...“
Er murmelte etwas unverständliches.
„Aber sag mal, kommst du jetzt?“ fragte er dann.
Ich murmelte ein „sofort“ und legte auf.
Verdammt, wie geil! Ich war so glücklich. Jetzt war also alles geklärt. Jetzt war alles wieder gut. Bill liebte mich, ich liebte Bill und Tom war nicht mehr sauer. Ja... Tom... irgendwie war das mit ihm immer noch komisch...
Ich musste grinsen. Der Abend hatte doch noch etwas gutes gehabt.
Ich musste einfach wieder schreien, ein „YES!“ ,das so laut war, dass mir die Stimmbänder wehtaten. Egal.
Ich zog mir die Jacke über den Kopf, sodass ich nicht ganz so nass werden konnte und rannte durch den Regen los, nach Hause.

Jetzt stand ich also wieder hier. Vor dem Haus der Kaulitz. Irgendwie hatte ich Angst. Vielleicht hatte Tom seine Meinung geändert. Vielleicht hatte aber auch Bill seine Meinung geändert.
Zögernd drückte ich die Klingel. Sofort wurde die Tür aufgerissen und Bill und Tom kamen rausgerannt.
Tom umarmte mich. Wie süß! Aber was war das? Nein, nicht schon wieder dieses Kribbeln!!! Das durfte da doch nicht sein!!!
Als Tom mich endlich losließ, musste ich erst mal heftig durchatmen. Der hatte vielleicht fest zugedrückt! Aber auch dieses Gefühl hatte mich außer Atem gebracht...
Ich schielte vorsichtig zu Bill. Hoffentlich hatte er nichts gemerkt. Schüchtern lächelte er mich an. Gut, anscheinend nicht. Ich verlor mich in diesem Blick. Langsam kam er auf mich zu.
„Na.“ Sagte er leise.
„Hey.“ Antwortete ich nur.
Wir schauten uns lange an.
„Ich will ja nicht stören, aber wollt ihr nicht mal reinkommen? Ihr steht da im regen.“ Meinte Tom plötzlich von der Türschwelle.
Wirklich, wir standen im Regen, total durchnässt. Bills Frisur war auch zerstört. Er grinste mich an und nahm meine Hand.
„Komm.“ Flüsterte er und wir liefen an Tom vorbei ins Haus.

And diesem Abend sah ich weder Bill noch Tom noch mal. Ich duschte erst mal, dann zog ich mir einen warmen Pulli an und stieg ins Bett. Ich wusste nicht, wie lange ich dort wach gelegen hatte, aber irgendwann ging plötzlich die Tür auf.
Jemand kam ins Zimmer und legte sich zu mir ins Bett. Ich öffnete meine Augen nicht, aber ich wusste, wer es war. Ich erkannte ihn am Geruch.
Bill gab mir noch einen zärtlichen Kuss auf die Nase, dann drehte er sich um und kurz darauf vernahm ich seinen leisen, ruhigen Atem.


Kapitel 12


Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war Bill weg. Ich bemerkte das auch nur weil ich mich einmal durchs Bett rollte bis auf den Boden^^
Das tat nicht sehr gut, half mir aber beim aufwachen.
Nachdem ich mich angezogen hatte, ging ich erstmal zu Bills Zimmer. Drinnen lief Musik, also war er da. Und ich vergaß zu klopfen.
"Morgen!" rief ich, während ich die tür aufriss. Mein Fehler.
"Jessy! was machst du... wieso...?"
Vor meinem Blick vernebelte sich alles. War ja irgendwie sowas von klar gewesen!
Arschloch.
Verdammtes Arschloch.
Ich schlug die Tür hinter mir zu und lief aus dem Haus, aus dem Dorf in irgendeinen Wald.
Dort lies ich mich auf die feuchte Erde fallen, krallte mich im Moos fest und heulte. Und schrie.
Ich schrie alles aus mir raus.
Wie immer. Andere ritzen sich, ich schreie. Ich schreie, um den Schmerz zu vergessen.
Vor meinen augen sah ich wieder diese Bild. Bill mit Linda. Wild in einander verschlungen.
Arschloch.
Aber wie gesagt, es war irgendwie klar gewesen, dass da irgendwas schief geht. Irgendetwas ging immer schief.
Heiße Tränen liefen über meine Wangen; ich schrie immer noch.
So laut du kannst
Arschloch.
Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter.
Erschrocken drehte ich mich um.
"Jessy, was... was ist denn passiert?"
Tom...

Ich schniefte.
Arschloch.
„Bill, er... Linda...“ war alles, was ich noch rausbrachte, bevor ich von einer weiteren Heulattacke gepackt wurde. Aber Tom schien zu verstehen.
„Bill und LINDA?!“
Ich nickte. Zwar wusste ich nicht, wieso Tom jetzt so ein Gesicht machte, aber es war mir egal.
Eine Weile saß ich so da und weinte, Tom kniete vor mir und strich mir beruhigend über den Rücken. Irgendwann stand er auf und ging ein Stück weg.
Ich hob den Kopf, um Tom zu beobachten, aber da sah ich etwas, was mir gar nicht gefiel.
Bill
Arschloch.
Ich senkte den kopf wieder, aber das brachte nicht viel, denn die beiden hatten angefangen zu diskutieren und das in einer unüberhörbaren Lautstärke.
„Wieso hast du das gemacht? Weißt du, wie schlimm das jetzt für sie ist? Weißt du, was du ihr da antust? Sie hat doch schon genug durchmachen müssen!“
Danke Tom.
Zeigs diesem Arschloch.
Dann vernahm ich, etwas leiser und bedrückter, Bills Stimme : „Man, Tom, ich... verdammt, ich wollte das doch auch nicht... und... aber da kam Linda so und - geküsst und dann konnte ich irgendwie nicht mehr... wiederstehn...“
Ah ja.
Das glaubst du doch wohl selber nicht, oder? Arschloch.
„Man, aber... ich wollte das doch gar nicht... das... das ist halt so passiert und dann kam Jessy rein und... da hab ich erst gecheckt, was ich da gemacht hab... man Tom, hilf mir!“ er brach ab. Man hatte seine Stimme zittern gehört. Er klang wirklich verzweifelt.
Irgendwie tat er mir Leid.
Egal.
Der einzige, der mir gerade geholfen hatte, war Tom. Linda... diese Schl**pe hatte es ja so gewollt. Eigentlich war SIE Schuld... aber Bill hatte ja mitgemacht.
Arschloch.


Kapitel 13


Tom und Bill diskutieren immer noch, mittlerweile hörte ich gar nicht mehr zu. Es war mir egal. Was hatte ich erwartet? Irgendwie war ich unglücklich. Ich MUSSTE unglücklich sein. Sonst stimmte etwas mit der Welt nicht.
Ich schüttelte den Kopf, schniefte und stand auf.
„Tom?“ rief ich laut.
Die beiden zuckten zusammen und starrten mich an.
„Jessy?“
„Lass gut sein. Jetzt ist es auch egal. Kommst du?“ sagte ich mit möglichst gleichgültiger Stimme. Bill ignorierte ich. Auch wenn es wehtat.
Tom sah seinen Bruder noch einmal an, dann gingen wir beide wieder zurück Richtung Haus.
„Jessy?“
Ich brummte.
„Was ist jetzt mit euch, also mit Bill und dir?“
Ich blickte überrascht auf.
„Was soll sein? Was erwartest du denn, was jetzt ist?“
„Oh.“ Meinte Tom nur.
„Jaaah.“
Wir schwiegen uns den Rest des Weges an und im Haus verschwanden wir sofort in unsere Zimmer.
Ich legte mich auf mein Bett und dachte nach. Würde ich DAS aushalten? Noch fast ein Jahr im gleichen Haus mit Bill? Zimmer an Zimmer?
Im gleichen Moment hörte ich, wie jemand die Leiter hochkam. Och ne. Bill war jetzt also auch da.
Den Rest des Tages lag ich in meinem Bett, ohne noch irgendwas von den Twins zu hören oder zu sehen. Irgendwann rief Simone zum Abendessen, aber ich hatte weder Hunger noch Lust, Bill zusehen, also blieb ich einfach in meinem Zimmer.
Kurz danach kam Tom in mein Zimmer, ein Tablett mit einem Teller Spagetti in der Hand.
„Hey. Ich hab mir gedacht, dass es wohl das beste wäre, wenn du hier essen würdest. Du bist ja auch nicht runter gekommen und deshalb bin ich ja jetzt da.“ Grinste er.
„Danke.“ Ich versuchte zu lächeln, aber es misslang miserabel.
Und während Tom noch im Türrahmen stand, ging eine Person an meinem Zimmer vorbei, die mich wieder erbleichen blieb. Bill
Ich knurrte leise, als er auch noch zu mir sah und mich mit so unendlich traurigen Augen ansah. Na Junge, neue Masche?
Plötzlich schlug Tom die Tür zu und der Augenblick war vorbei. Zum Glück.
Ich seufzte hörbar.
„Das wird schon wieder.“ Meinte Tom leise, aber ich wusste ganz genau, dass es nicht stimmte.


Kapitel 14


In den nächsten Tagen versuchte ich so gut es ging, alles und jeden zu ignorieren. Das ging allerdings gar nicht so einfach, mittlerweile hatte die Schule angefangen und jede Pause kam ein anderer, um mich zu fragen, wie Australien so ist. Ich kannte diese Leute natürlich gar nicht. Und das ich ziemlich unfreundlich und gereizt auf sie reagierte, schien den meisten gar nicht aufzufallen. Wie gesagt, den meisten.
Denn schon nach dem ersten Schultag kam Tom zu mir, legte seinen Arm um mich und meinte: „Es geht dir beschissen, hab ich Recht?“
Mit so einer direkten Frage hatte ich nicht gerechnet, aber ja, er hatte Recht. Und das war ja auch kein Wunder.
Auch Julia schien etwas gemerkt zu haben, denn sie war überaus freundlich zu mir und hatte mir sofort angeboten, wenn ich reden wollte, sollte ich einfach zu ihr kommen. Das fand ich wirklich lieb.
Doch an meiner Gesamtlaune änderte sich nichts. Ich saß die meiste Zeit in meinem Zimmer und wartete darauf, dass es Abend wurde und ich schlafen gehen konnte.
Gerade saß ich wieder so da und hörte so laut es ging Billy Talent. Im ersten Moment hatte ich eine leichte Gänsehaut gekriegt, immerhin stand da „Billy“ auf der CD, aber die lauten Töne beruhigten mich irgendwie.
Und dann geschah das, wovor es mir fast schon gegraut hatte: irgendwann klopfte es an meine Zimmertüre und als ich nichts von mir gab, ging die Tür auf.
Bill
“Jessy, ich will bitte mit dir reden.”
Ich ignorierte ihn.
„Jessy, man bitte, es tut mir so leid, ich wollte das doch gar nicht...“
Ich ignorierte ihn.
„Jessy, bitte...“
Ich ignorierte ihn.
„Jessy, das... das tut mir doch so Leid...“
Ich hörte die Verzweiflung in seiner Stimme, konnte mir genau vorstellen, wie er jetzt mit den Tränen kämpfte; und doch blieb ich hart.
Ohne ihn auch nur einmal anzublicken, stapfte ich an ihm vorbei, zog mir so schnell es ging eine Jacke und meine Vans an und dann rannte ich hinaus.
Sofort umfing mich die kühle Abendluft des Septembers. Bald würde der Winter kommen und mit ihm etwas schreckliches.
Doch davon ahnte ich noch nichts...


Kapitel 15


Als ich am Abend wieder nach Hause ging, fiel mir sofort auf, dass etwas anders war. Besser gesagt hörte ich es.
Bill und Tom waren heftig am Streiten.
„Sag mal Junge, bist du so dumm oder tust du nur so?!“
„Aber... was hätte ich denn deiner Meinung nach tun sollen? Ihr hinterher rennen?“
„Wäre immer noch besser als sich mit jemand anderem zu begnügen!“
„Das sagt der richtige! Du bist doch der, der als erstes nach ’ner neuen Ausschau hält!“
„Das tut jetzt nichts zur Sache! Wenn du so viel für sie empfindest wie du andauernd sagt, dann tu auch was, um sie zurück zu gewinnen!“
„Und WAS?!“
„Woher soll ich das wissen? Rede mit ihr!“
„SIE will ja nicht mit MIR reden! Ich hab’s ja schon versucht...“
Ich seufzte. Wie konnte es denn auch anders sein?
Was sollte ich jetzt tun?
Ich hörte die beiden immer noch lauthals diskutieren und plötzlich langte es mir.
So laut ich konnte, schrie ich: „HÖRT AUF!“
Dann wirbelte ich herum und rannte wieder aus dem Haus.
Mittlerweile war es dunkel geworden, die Luft prickelte auf meiner Haut und die Kühle tat richtig gut.
Langsam beruhigte ich mich wieder. Aber das Gefühl der Beklemmung wollte mich einfach nicht loslassen.
Erst jetzt fiel mir auf, wie sehr ich zitterte. Na toll. Jetzt hatte ich auch noch meine Jacke vergessen. Was tun? Zurück zum Haus?
Nein.
Zu Gustav.
Langsam machte ich mich auf den Weg Richtung Stadt, die Kälte spürte ich nicht mehr, viel mehr die Angst vor etwas anderem. Aber was es war, keine Ahnung.
Irgendwann stand ich schließlich vor Gustavs Haus und drückte einmal kurz die Klingel.
Bitte sei da...
Bitte sei da...
Bitte sei-
„Ja?“ kam es aus der Sprechanlage.
„Gustav? Ich bin’s Jessy.“ Sagte ich erleichtert.
„Hey! Was ist los?“
„Kann ich heute bei dir übernachten? Probleme...“ fügte ich hinzu, denn ich konnte mir sein fragendes Gesicht gerade gut vorstellen.“
„Klar, komm rein!“
Ich hörte ein Sirren und betrat das Haus. Im ersten Stock stand die Tür offen und ein Gustav in Boxershorts grinste mich an.
„Na.“
„Hey...“ erwiderte ich.
„Komm rein.“
Ich folgte ihm ins Wohnzimmer, es gefiel mir, denn es war total gemütlich und erinnerte mich irgendwie an meine Wohnung in Sydney.
„Meine Eltern sind nicht da...“ meinte Gustav und sah mich an „Was ist passiert? Willst du darüber reden?“
Dankbar lächelte ich ihn an. Der Junge war echt Gold wert. Ich fiel ihm um den Hals.
„Danke für alles.“ Lächelte ich ihn an. Dann wurde ich wieder ernst und fing an, ihm alles zu erzählen. Wirklich alles.


Kapitel 16


Am nächsten Morgen wachte ich auf, als mir ein Sonnenstrahl direkt ins linke Auge schien.
Grrrr...
Ich hörte Geräusche aus der Küche und zur darauf kam auch schon ein grinsender Gustav ins Wohnzimmer, ein voll bepacktes Tablett in den Händen. Sprachlos saß ich da und wunderte mich mal wieder, wieso ich ihn als Kumpel verdient hatte.
„Man... danke.“ Brachte ich gerade noch heraus und schon hatte ich auch schon ein halbes Brötchen im Mund.
„Bitteschön.“ Grinste Gustav mich an.
Schweigend aßen wir und ich dachte an gestern Abend. Gustav hatte mich sprachlos angesehen und nur noch „Boah. Das ist hart.“ Rausgebracht.
Danach war ich sofort schlafen gegangen, mit erheblich besseren Gefühl, jetzt hatte ich jemanden gefunden, dem ich alles erzählen konnte.

Nachdem ich Gustav mit dem Abwasch geholfen hatte (er hatte in einer Ecke gesessen und mich herumkommandiert, während ich durch die Küche rannte und das Geschirr in die entsprechenden Schränke gestopft hatte) beschloss ich nach Hause zu gehen.
Ich umarmte ihn und ging dann langsam und zögerlich Richtung Loitsche.
Immer wieder musste ich stehen bleiben, weil ich keine Luft mehr bekam, ich fühlte mich so eingeengt, so erdrückt von all den Problemen, obwohl außer mir und ein paar Schafen nichts lebendiges in der Nähe war.
Und irgendwann war es schließlich so weit: ich stand mal wieder vor dem Haus der Kaulitz` und hatte Angst davor, es zu betreten.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wollte da nicht rein.
In dem Moment wurde die Tür aufgerissen.
Bill
“Jessy! Du bist wieder da!”
Plötzlich lag ich in seinen Armen, die mich so fest drückten, dass ich mal Atemprobleme hatte.
Wie durch einen Stromschlag ließ er mich sofort wieder los und stolperte rückwärts. In diesem Augenblick fiel mir wieder ein, wieso ich weggelaufen war.
Wegen ihm.
So ein Arschloch! Umarmt mich einfach!
Doch in meinem Hinterkopf hörte ich eine leise Stimme, die mir genau das sagte, was ich zu verdrängen versucht hatte.
Du hast es doch genossen.
Leider musste ich dieser Stimme Recht geben.
Schweigend lief ich an Bill vorbei und hoch in mein Zimmer. Den traurigen Blick, den er mir hinterher warf, bemerkte ich nicht.
Oben angekommen holte mich das Gefühl von vorhin wieder ein. Diese Angst vor dem Erdrückt werden.
Ich hockte mich in die hinterste Ecke des Raumes und zog die Beine an den Körper. Wieso war alles so schwer?
Ich hörte Schritte auf dem Flur, also war Bill auch wieder oben. Sollte ich mit ihm reden?
Nein, dass sollte er schon selber machen.
Und wenn er sich nicht traute?
Dann ist er selbst Schuld.
Plötzlich fasste ich einen Entschluss: Wenn er innerhalb einer Woche versuchte mit mir zu reden, würde ich ihm noch eine Chance geben. Und wenn nicht, würde ich ihn genauso verletzen wie er mich.
Und wenn es ihm egal ist?
Wenn du ihm egal bist?
Dann ist alles zu Ende.
Dann will ich nicht mehr.
Ich habe lange genug gelitten.
Ich schüttelte eine imaginäre Hand, um den Pakt zu besiegeln. So soll es also sein...


Kapitel 17


Die nächsten Tage verliefen so uninteressant wie nur möglich. In der Schule hatte ich ein paar Probleme. Aus irgendeinem Grund mochten mich die Lehrer alle nicht und einige Schüler hatten es anscheinend auf mich abgesehen; Simone vermutete einen Zusammenhang mit Tom und Bill, die auch nicht gerade beliebt waren bei Lehrern und Schülern. Des öfteren wurde ich auf dem Flur einfach angerempelt oder geschubst und vor allem die Deutsch-Tussi hatte Gefallen daran gefunden, mich auszufragen, obwohl sie genau wusste, dass ich Deutsch nicht perfekt beherrschte. Aber ich kam damit klar.
Am Mittwoch geschah jedoch wieder etwas, dass mich wieder verwirrte.

Mitten in der Nacht wurde ich durch einen lauten Schrei geweckt.
Ich fuhr hoch und brauchte erst einmal ein paar Sekunden um zu begreifen, wo ich überhaupt war. Jemand hatte geschrien.
Bill
Ich hüpfte aus dem Bett und rannte ins Nebenzimmer. Als ich die Tür aufriss ertönte ein lautes, erschrockenes Quieken.
Und dann sah ich ihn.
Er saß zusammengekauert in einer Ecke seines Zimmers und krallte sich krampfhaft an der Bettdecke fest und hatte Tränen in den Augen. Er schien völlig verstört; sah mich nicht.
Erst als ich mich neben ihn setzte und meine Hand auf seine Schulter legte, zuckte er zusammen und sah mich erschrocken mit Tränen verschleierten Augen an. Als er mich erkannte schien er sich etwas zu entspannen, doch er hörte nicht auf zu weinen, im Gegenteil. Herzzerreißend schluchzte er los.
Ohne groß nachzudenken nahm ich ihn in den Arm, wollte ihm Trost spenden; wollte, dass er sich beruhigt. Leise flüsterte ich ihm beruhigende Worte zu und wiegte ihn wie ein kleines Kind.
„Jessy.“ Brachte Bill schließlich mit gebrochener Stimme heraus.
In diesem Moment begriff ich, was ich gerade tat. Erschrocken drückte ich ihn von mir weg und wollte so schnell wie möglich weg. Ich rannte in mein Zimmer, schlug die Tür hinter mir zu, legte mich auf mein Bett und heulte einfach nur.
Die ganzen Tränen, die ich schon längst hatte loswerden wollen, den ganzen Schmerz. Ich ließ alles raus.
Langsam begann ich mich zu fragen, wieso um Gottes Willen ich unbedingt HIERHIN gegangen war.
Ich wusste nicht, wie lange ich dort gelegen hatte und weinte, aber irgendwann spürte ich eine Hand, die mir beruhigend über den Rücken strich.
Ich sträubte mich nicht dagegen, denn ich dachte es wäre Tom.
Irgendwann beruhigte ich mich wieder und murmelte leise: „Danke.“
„Keine Ursache.“
Ich stockte.
Das klang aber gar nicht nach Tom...


Kapitel 18


Ich fuhr herum und starrte geradewegs in Bills braune Augen.
„Was- Was... was machst du hier? Ich- RAUS!“
Bill zuckte zusammen bei meinen plötzlichen Ausbruch, aber das war mir total egal. Ich war völlig verwirrt. Was sollte das jetzt? Eine Verzeih-mir-doch-bitte-Masche?
Ne, du, nicht mit mir.
Da erinnerte ich mich an meinen ‚Pakt’.
„Warte.“ Sagte ich und Bill, schon an der Tür, blieb stehen und drehte sich gaaanz langsam zu mir um.
„Ja?“ fragte er vorsichtig. Anscheinend hatte ich ihn ganz schön erschreckt mit meinem Geschrei.
„Ich... ich... ich glaube, wir sollten mal reden.“ Meinte ich so leise wie möglich. Trotzdem hatte er mich verstanden und es erschien der Ansatz von einem Lächeln auf seinem Gesicht, ein Anblick, den in letzter Zeit niemand mehr gesehen hatte.
Bill kam zurück und setzte sich neben mich auf das Bett.
„Bill-“
„Jessy-“
Wir lachten los. Na, das konnte ja was werden.
„Ich...“ fing er an, wusste aber offenbar nicht, was er sagen sollte.
„Du?“ hakte ich nach und musste leicht schmunzeln. Geil, wir kriegten ja beide nicht den Mund auf.
„Ich... man... Jessy... ich... wir...“
Was? Ich verstand überhaupt nichts, na ja, kein Wunder bei dem Gestotter. Etwas verständnislos schaute ich ihn an und genau in dem Moment sah er mir auch genau in die Augen.
Wie schon so oft versank ich förmlich in diesen schokobraunen Augen, die mich mit so viel wärme ansahen. Unsere eigentlichen Probleme hatte ich schon total vergessen.
Langsam kam er mir immer näher, aber je näher er kam, desto zögernder wurde er.
Na, dann mal los.
Ich legte meine Hand in seinen Nacken, zog ihn zu mir und küsste ihn stürmisch.
Etwas überrumpelt zuckte er leicht zurück, beugte sich dann aber noch mehr zu mir, stützte sic mit den Händen auf dem Bett ab und vertiefte somit den Kuss noch um einiges.
Er fuhr mit seiner Zunge über meine Lippen und ich gewährte ihm Einlass. Aber noch bevor unserer Zungen in einen leidenschaftlichen Kampf verfallen konnten, wurde die Tür aufgerissen und ein strahlender Tom stürmte ins Zimmer.
„Ha! Ich hab’s doch gewusst!“ grinste er und stieß die Faust in die Luft.
„Ruhe!“ ertönte plötzlich auch noch Simones Ruf von unten.
Na, da hatten wir wohl die gesamte Familie geweckt...^^


Kapitel 19

“Hey, Schatz. Aufwachen.”
Langsam schlug ich die Augen auf und richtete mich auf. Nachdem sich meine Augen an das helle Sonnenlicht gewöhnt hatten, erkannte ich Bill, der mit zerstrubbelten Haaren auf meinem Bett hockte und mich anstrahlte, als wäre ich ein Weihnachtsgeschenk. Ich grinste und murmelte leise: „Morgen.“
Bevor ich noch einmal blinzeln konnte, wurde ich in einen stürmischen Kuss verwickelt. Ich fing an zu lachen.
Ja, ich lachte.
Endlich wieder.
Dank Bill.
Ich schlang meine Arme um ihn und drückte ihn an mich.
„Danke.“ Flüsterte ich, was eine Gänsehaut an seinem Hals hervor rief.
„Wofür?“ fragte er ebenso leise.
„Dass es dich gibt und du mich zum Lachen bringst.“
„Achso... ich kann dich auch noch viel mehr zum lachen bringen.“
Ehe ich mich versah, sprang Bill auf, schnappte sich ein Kissen und schleuderte es in mein Gesicht. Ich warf sofort zurück und prustete laut los, als es ihn von der Wucht fast umhaute.
„Na warte!“ rief er und stürzte sich auf mich.
Irgendwann ging die Tür auf und ein ziemlich verschlafen drein blickender Tom stand in der Tür.
„Geht das nicht ein bisschen leiser?“ fragte er, aber als er dass Bild vor sich sah, fing auch er an zu lachen; ich lag auf dem Bett, halb begraben unter einer Decke und Bill hing in einem 90 Grad Winkel vom Bett, d.h. sein Kopf lag auf dem Fußboden, sein Körper hing und seine Beine standen schräg in die Luft.
„Was- geht- denn- hier?“ brachte Tom zwischen mehreren Lachanfällen heraus. Plötzlich gab es einen Rums und Tom lag am Boden, wälzte sich hin- und her- und bekam sich gar nicht mehr richtig ein.
Ich schielte zu Bill, der anscheinend dasselbe dachte wie ich: Was nimmt der arme Junge nur?
Irgendwann beruhigte Tom sich dann auch wieder und wir gingen Frühstücken.

„Na, was machen wir heute?“ fragte Tom und wedelte hyperaktiv mit den Armen.
„Boah Junge, keine Ahnung. Treff dich mit Julia oder sonst was.“ Gab Bill ein bisschen angenervt zurück.
„Man, seid ihr langweilig...“ grummelte Tom und fügte hinzu: „Wenn ich weg bin, keine unanständigen Sache machen, ok?“
Das verursachte einen neuen Lachflash bei ihm. Ich sah nur kopfschüttelnd zu. Dieser Junge hatte die wirklich seltene Gabe, sich selbst zum Lachen zu bringen.
„Komm.“ Meinte Bill leise, nahm meine Hand und schleifte mich die Treppe hoch.
„Denkt ans Verhüten!“ kam es von unten hinterher.
Ich grinste nur.


Kapitel 20

Bill und ich lagen auf dem Bett, mein Kopf auf seiner Brust. Wir schwiegen beide und genossen einfach nur die Zweisamkeit. Mein Blick schweifte aus dem Fenster. Ich sah die weiten Felder und den riesigen Kaliberg, den ich eigentlich potthässlich fand. Aber ich genoss es, ihn zu sehen. Denn ich wusste, wo ich war.
Ich war zu Hause.
Ich hörte Bill leise seufzen und hob den Kopf.
„Was ist?“
Er schüttelte nur den Kopf und gab mir einen Kuss. „Nichts. Ich bin einfach nur froh, dass du hier bist.“
Ich lächelte und kuschelte mich noch mehr an ihn.
Ich schloss die Augen. Sein gleichmäßiger Atem schläferte mich ein. Kurz darauf war ich in tiefen Schlaf versunken und ich merkte nicht, wie Bill aufstand und das Zimmer verließ.

Als ich wieder die Augen aufmachte, war es draußen dunkel. Ich streckte mich langsam und rollte mich herum.
Mit einem lauten RUMS fiel ich aus dem Bett.
„Scheiße.“ Murmelte ich, rappelte mich hoch und sah mich um. Wo war Bill?
„Bill?“
Keine Antwort.
“Bill!”
Keine Antwort.
„Bill!!“
Keine Antwort.
„BILL!!!!“
Die Zimmertüre wurde aufgerissen.
Simone stand da.
“Was schreist du denn so?“ fragte sie und lächelte belustigt „Bill hat doch Bandprobe.“
Ich kratzte mich am Kopf. Uups.
„Kämm dir mal die Haare.“ Grinste Simone und ging dann wieder runter.
Ich trottete ins Bad und sprang erst mal unter die Dusche. Ich stellte sie ganz kalt, um erst mal wieder richtig aufzuwachen.
Gerade als ich aus dem Badezimmer rauskam, klingelte unten das Telefon.
Ich lief runter und ging ran.
„Bei Kaulitz?“
Die darauffolgenden Worte nahm ich nicht mehr richtig wahr. Der Hörer fiel zu Boden und ich musste mich abstützen, um nicht auch noch umzufallen.
Schon flossen die ersten Tränen. Unaufhaltsam flossen sie nach unten, tropften von meinem Kinn und versickerten in meinem T-Shirt. Vor meinem Blick verschwamm alles.
Ganz weit weg vernahm ich Simones Stimme, die in meinem Kopf hallte.
„Jessy, was ist denn los?“
Ich konnte nicht antworten.
Ich schloss die Augen und kippte um.


Kapitel 21

Als ich wieder aufachte, lag ich in meinem Bett und starrte sekundenlang an die weiße Decke.
Dann fiel mir wieder alles ein. War es wirklich wahr?
Oder hatte ich es doch nur geträumt?
Ich wusste es nicht. Wollte es nicht wissen.
Als ich langsam ins Bad schlurfte und einen Blick in den Spiegel warf, war es schon ziemlich klar, dass ich nicht alles geträumt hatte. Meine Augen waren riesig rot angeschwollen, als hätte ich vor kurzem geweint, und insgesamt sah ich auch aus wie drei mal überfahren.
Aus der Küche kamen Stimmen, anscheinend schienen Simone und Bill zu streiten.
„... Aber du kannst das nicht einfach so machen!! Ich liebe sie doch!“
„Das tut mir wirklich Leid Bill, aber sie kann nicht bleiben, wenn sie sich etwas antut, sind wir dafür verantwortlich. Sie MUSS zurück nach Australien!“
Es ging also um mich.
„Nein! Wir sind doch für sie da, ich kann ihr doch helfen.“
„Bill, das wirst du nicht schaffen, du hättest sie vorhin sehen sollen, sie ist zusammengebrochen!“
„Was würdest du denn machen, wenn da jemand anruft und dir sagen würde, dass Tom und ich tot sind?! Das ist doch natürlich, dass sie so reagiert!“
„Ja, aber was ist, wenn sie sich etwas antut? Sie hat gerade ihre Tante verloren und...“
Ich hatte es also doch nicht geträumt. Augenblicklich schossen wieder Tränen in meine Augen, ich wollte es nicht, ich wollte überhaupt nichts mehr.
Nur sterben...
...sterben...
…sterben…
Der Gedanke zog gerade in mein Gehirn ein. Ich schrie auf.
Sofort wurde die Küchetür aufgerissen und Bill kam herausgestürzt, Simone hinter ihm.
„Jessy... was... was...“
Ich schubste ihn weg, als er mich in den Arm nehmen wollte und rannte aus dem Haus.
Sofort schlug mir eisige Kälte entgegen, immerhin hatte ich nur ein T-Shirt an, aber es war mir egal.
Mir war alles egal.
Irgendwann ließ ich mich in eins der vielen Felder fallen und schluchzte hemmungslos.
Jetzt war ich ganz allein...
Ich merkte, wie es anfing zu schneien.
Winter...


Epilog

Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß, in der eisigen Kälte umgeben vom Schnee, der immer noch in dichten Flocken vom Himmel kam. Mittlerweile war es dunkel geworden und nur die Lichter von Magdeburg beleuchteten den großen Hügel hinter mir noch.
Ab und zu hörte man ein Auto in weiter Ferne vorbeifahren. Aber ich nahm das alles nicht mehr wahr. Vor meine Augen war alles verschwommen, meine Wimpern von Schnee verklebt. Mir war so entsetzlich kalt, das Atmen fiel mir schwer.
Langsam begann sich alles um mich zu drehen.
Ich blickte in den Himmel und es schien mir, als sehe ich dort oben meine Familie, meine Tante, die mir zuwinkte.
Ich sah Bill, wie er auf seinem Bett saß und weinte.
Und ich wusste, jetzt war es endlich zu Ende.
Mit letzter Kraft holte ich meinen schwarzen Kajal aus meiner Hosentasche und schrieb in großen Buchstaben J+B auf meinen Arm.
Der Stift fiel mir aus der Hand, um mich wurde es dunkel und ich versank in einen tiefen Schlaf, aus dem ich nie wieder aufwachen würde...
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